Was geschieht eigentlich, wenn wir eine Vollnarkose bekommen? Wie werden wir während einer Operation versorgt, und wie sicher ist die Narkose heute? Zum Weltanästhesietag am 16. Oktober beantwortet Dr. Julia Lichtenstern drei Fragen, die viele Patientinnen und Patienten beschäftigen. Die Fachärztin für Anästhesiologie arbeitet am Universitätsklinikum Heidelberg, gibt auf Instagram unter @julia.lichtenstern regelmäßig Einblicke in ihren Berufsalltag und bereitet medizinische Themen aus ihrem Fachgebiet leicht verständlich auf.
Frau Dr. Lichtenstern, ist eine Vollnarkose mit einem besonders tiefen Schlaf vergleichbar?
Nicht ganz. Die Medikamente, die wir nutzen, bewirken etwas anderes als der natürliche Schlaf. In der Regel geben wir zunächst ein starkes Schmerzmittel, das die Schmerzwahrnehmung hemmt. Manche Menschen spüren dabei eine angenehme Wärme im Körper oder werden etwas benommen. Danach folgt ein Medikament, das das Bewusstsein ausschaltet. Dieser Zustand ähnelt zwar einem sehr tiefen Schlaf, unterscheidet sich aber vom normalen, erholsamen Schlaf. Je nach Operation geben wir zusätzlich ein Mittel, das die Muskulatur entspannt. Das alles geht meist recht schnell: Die Medikamente wirken oft innerhalb weniger Augenblicke. Deshalb schaffen es viele Patientinnen und Patienten gar nicht mehr, von zehn rückwärts zu zählen.
Was geschieht während der Operation, nachdem die Patientinnen und Patienten eingeschlafen sind?
Wenn die Patientinnen und Patienten eingeschlafen sind, beginnt für uns die eigentliche Arbeit. Zunächst sichern wir den Atemweg und übernehmen die Beatmung. Dafür verwenden wir beispielsweise eine Kehlkopfmaske oder einen Beatmungsschlauch. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die Narkose während der gesamten Operation aufrechterhalten bleibt. Wir geben kontinuierlich Narkose- und Schmerzmittel und überwachen unter anderem die Sauerstoffversorgung, den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Beatmungsparameter. Dabei ist keine Operation wie die andere: Manche Schritte verursachen stärkere Schmerzreize, andere weniger. Auch kann ein Eingriff länger dauern als geplant. Wir passen die Narkose deshalb laufend an das Geschehen im Operationssaal an. Unser Ziel ist, dass die Patientinnen und Patienten von der Operation nichts mitbekommen und ihre lebenswichtigen Körperfunktionen währenddessen stabil bleiben.
Manche Patientinnen und Patienten befürchten, während einer Operation aufzuwachen oder nach der Narkose nicht mehr zu erwachen. Wie begründet sind diese Sorgen?
Diese Sorgen sind absolut verständlich, und wir nehmen sie sehr ernst. Die gute Nachricht ist: Die moderne Anästhesie ist heute sehr sicher. Dass jemand während einer Vollnarkose unbeabsichtigt bei Bewusstsein ist und sich später daran erinnert, kommt sehr selten vor. Wir achten während der gesamten Operation auf eine ausreichende Narkosetiefe und überwachen die Patientinnen und Patienten kontinuierlich. Auch vor dem Nicht-mehr-Aufwachen haben viele Menschen Angst. Deshalb ist das Narkosevorgespräch so wichtig: Wir erkundigen uns genau nach Vorerkrankungen, der körperlichen Belastbarkeit und möglichen Problemen bei früheren Narkosen. So können wir die Narkose individuell planen und Risiken möglichst gering halten. Am Ende der Operation reduzieren wir die Medikamente und beenden schließlich ihre Gabe. Ihre Wirkung lässt nach, und die Patientinnen und Patienten werden allmählich wieder wach.
Noch mehr Fragen zur Vollnarkose?
Im Podcast „Was passiert, während ich schlafe?“ spricht Dr. Julia Lichtenstern ausführlicher über die Abläufe während einer Vollnarkose. Sie erklärt unter anderem, was die zahlreichen Monitore im Operationssaal anzeigen, wie Anästhesistinnen und Anästhesisten auf Veränderungen reagieren und woran sie erkennen, dass Patientinnen und Patienten nach einer Operation sicher in den Aufwachraum gebracht werden können.
