Nürnberg/Bad Boll. Wer einen Herz-Kreislauf-Stillstand überlebt, braucht oft eine langfristige medizinische und psychosoziale Betreuung. Mit CAROL (Cardiac Arrest: Return to Optimal Life Status) soll dafür erstmals ein strukturierter Behandlungspfad von der Klinik bis zur Nachsorge etabliert werden. Gefördert wird das Projekt mit rund sechs Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Die Initiative entstand aus den Bad Boller Reanimations- und Notfallgesprächen – und steht stellvertretend für weitere Entwicklungen, die aus dem Format hervorgehen.

Die Bad Boller Reanimations- und Notfallgespräche, die von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI), dem Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e. V. (BDA) und dem Deutschen Reanimationsregister getragen werden, finden einmal im Jahr statt und bringen zahlreiche Expertinnen und Experten aus Medizin, Rettungsdienst, Wissenschaft, Gesundheitspolitik und Versorgungspraxis zusammen. Das diesjährige Treffen zum Thema „Außerklinische Reanimation“ fand als Online-Update statt und ergänzt die Präsenzgespräche, die sich in diesem Jahr erstmals der innerklinischen Reanimation widmen. Ziel des Formats ist es, Expertinnen und Experten zusammenzubringen und konkrete Verbesserungen der Reanimationsversorgung anzustoßen.

Neue, sektorenübergreifende Versorgungsform 

Das Projekt CAROL ist als sektorenübergreifende neue Versorgungsform angelegt und wird unter Konsortialführung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und seines Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin gemeinsam mit klinischen Partnern, Krankenkassen und wissenschaftlichen Einrichtungen umgesetzt; auch die DGAI ist als Kooperationspartner beteiligt. Insgesamt sind 15 Cardiac Arrest Center in verschiedenen Regionen Deutschlands eingebunden.

Ziel ist es, Patientinnen und Patienten nach außerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand strukturiert von der stationären Behandlung bis in die ambulante Nachsorge zu begleiten. Eine zentrale Rolle übernehmen speziell qualifizierte Pflegefachpersonen für die Post-Reanimations-Versorgung (PRA-Nurses), die Betroffene und Angehörige bereits in der Klinik begleiten, die Weiterbehandlung koordinieren und als feste Ansprechpartnerinnen  oder -partner entlang des gesamten Versorgungspfads fungieren. Ergänzt wird der Ansatz durch genetische Diagnostik – insbesondere bei jüngeren Betroffenen –, spezialisierte Post-Reanimations-Ambulanzen sowie eine engere Einbindung der Angehörigen. Der Projektstart ist für den Herbst geplant, ab Mai 2027 sollen die ersten Patientinnen und Patienten in das Programm aufgenommen werden.

Mehr als fachlicher Austausch

„Dass Projekte wie CAROL entstehen, zeigt, dass die Bad Boller Gespräche mehr sind als ein fachlicher Austausch“, sagt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Sprecher des Organisationskomitees des Deutschen Reanimationsregisters und federführend an der Durchführung der Bad Boller Reanimations- und Notfallgespräche beteiligt. „Sie basieren auf den Zielen, die wir in den 10 Thesen für 10.000 Leben zusammengefasst haben und mit denen wir die Reanimationsversorgung systematisch weiterentwickeln wollen.“ Die Thesen wurden erstmals 2014 formuliert und 2024 umfassend aktualisiert. 

Dass dieser Ansatz inzwischen über Deutschland hinaus Wirkung zeigt, wird in den aktuellen ERC-Reanimationsleitlinien 2025 im Kapitel „System Saving Lives“ sichtbar. Sie betonen Reanimation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und stärken insbesondere koordinierte Versorgungsstrukturen – von standardisierten Leitstellenprozessen über spezialisierte Cardiac Arrest Center bis hin zu systematischem Qualitäts- und Feedbackmanagement.

„Die europäischen Leitlinien zeigen deutlich, dass erfolgreiche Reanimationsversorgung als Gesamtsystem gedacht werden muss“, sagt PD Dr. Bibiana Metelmann, die zu den Expertinnen in Bad Boll zählt und an der Erstellung der ERC-Leitlinien mitgewirkt hat. „Genau dieses systemische Verständnis prägt auch die Diskussionen in Bad Boll.“

Wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die Versorgung übertragen 

Ein weiterer Baustein zur Umsetzung dieser Ziele ist das neu entstehende Forum Reanimationsforschung, das federführend von Prof. Dr. Clemens Kill, Prof. Dr. Michael Baubin und Prof. Dr. Matthias Fischer, Mitglied im Organisationskomitee des Deutschen Reanimationsregisters, initiiert wurde. Prof. Fischer: „Das Forum Reanimationsforschung soll die Forschenden im deutschsprachigen Raum stärker vernetzen sowie zentrale Fragestellungen der Reanimationsmedizin gemeinsam voranbringen und wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die Versorgung übertragen.“ Dazu werden vorhandene Datenquellen besser genutzt, Forschungsschwerpunkte koordiniert und der fachliche Austausch intensiviert. Das Projekt wird von der Björn-Steiger-Stiftung mit einem jährlichen Förderbetrag in sechsstelliger Höhe unterstützt. Ein erster Kongress des Netzwerks ist für November 2026 geplant.

„Die Bad-Boller Reanimations- und Notfallgespräche zeigen, wie viel entstehen kann, wenn Expertise aus Versorgung, Wissenschaft und Gesundheitssystem zusammenkommt“, sagt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner. „Unser Ziel ist, dass aus diesem Austausch konkrete Verbesserungen entstehen – damit mehr Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand überleben und danach bestmöglich weiterleben können.“