Nürnberg. Angesichts einer sich rasant verändernden sicherheitspolitischen Lage und wachsender Anforderungen an die Gesundheitsversorgung in Krisen- und Katastrophensituationen haben die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e.V. (BDA) die gemeinsame Kommission „Einsatzbereitschaft und Krisenresilienz“ gegründet, um dieses Thema besonders zu priorisieren. Ziel ist es, die Rolle der Anästhesiologie in der medizinischen Krisenbewältigung systematisch weiterzuentwickeln und konkrete Konzepte für eine belastbare, sektorenübergreifende Versorgung zu erarbeiten.

„Die Herausforderungen haben sich grundlegend verändert: Wir sprechen heute nicht mehr nur über einzelne Katastrophenszenarien, sondern auch über komplexe, langanhaltende Krisenlagen bis hin zum Verteidigungsfall. Dafür braucht es tragfähige, abgestimmte Strukturen – und die Expertise der Anästhesiologie“, erklärt DGAI-Präsident Prof. Dr. Gernot Marx.
Die neue Kommission will zentrale Fragestellungen der Krisenversorgung entlang der gesamten Versorgungskette aufgreifen und in konkrete Handlungsempfehlungen überführen – von der präklinischen Notfallversorgung über den OP und die Intensivmedizin bis hin zur Nachsorge. 

„Durch unsere vielfältigen Aufgaben in diesen Bereichen haben wir eine besondere Gesamtperspektive auf Abläufe, Entscheidungswege und kritische Übergänge im System. Diese Schnittstellenkompetenz wollen wir als Anästhesiologinnen und Anästhesiologen stärker in die Weiterentwicklung eines krisenfesten Gesundheitssystems einbringen und so bestehende, stärker interventionsbezogene Ansätze um eine durchgängige, versorgungsübergreifende Perspektive ergänzen“, erläutert BDA-Präsidentin Prof. Dr. Grietje Beck.

Bestehende Initiativen besser miteinander verzahnen

Im Fokus der Kommissionsarbeit stehen unter anderem die Sicherstellung von Medikamenten und Verbrauchsmaterialien, strukturelle, technische und logistische Voraussetzungen für Krisenlagen sowie der Bedarf an zusätzlich vorzuhaltenden intensivmedizinischen Kapazitäten. Darüber hinaus sollen bestehende Initiativen besser miteinander verzahnt und die Abstimmung mit Fachgesellschaften, Behörden und politischen Akteuren gestärkt werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der praktischen Umsetzbarkeit: Die Vernetzung zwischen Kliniken sowie die enge Anbindung an die Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplanung (KAEP) sollen gezielt weiterentwickelt werden, um im Ernstfall belastbare und abgestimmte Strukturen sicherzustellen.

„Die Anästhesiologie trägt in Krisensituationen eine enorme Verantwortung“, betont BDA-Präsidentin Beck. „Mit der Kommission schaffen wir eine gemeinsame Plattform, die unsere Erfahrung entlang der gesamten Versorgungskette gezielt in belastbare Strukturen überführt und so zu einer durchgängigen, versorgungsübergreifenden Krisenversorgung beiträgt.“

Die Kommission wird sich neben klinischen und organisatorischen Fragestellungen auch mit Qualifikation, Führung und interdisziplinärer Zusammenarbeit befassen. Ziel ist es, die vorhandenen Ressourcen im Gesundheitssystem besser zu vernetzen, klare Zuständigkeiten zu definieren und die Vorbereitung auf komplexe Krisenszenarien nachhaltig zu stärken.

„Die Gründung der Kommission ist ein wichtiger Schritt – entscheidend ist nun, dass die strukturellen Voraussetzungen für eine krisenfeste Gesundheitsversorgung auch politisch geschaffen werden“, betont DGAI-Präsident Prof. Marx. „Wir weisen seit Längerem auf die bestehenden Defizite hin.“ Jetzt komme es darauf an, diese Erkenntnisse im geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetz und in weiteren Reformvorhaben konsequent zu berücksichtigen. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, verlässliche Führungsstrukturen, eine bessere Vernetzung der Akteure und eine nachhaltige Finanzierung. „Die Anästhesiologie steht bereit, ihre Expertise aktiv einzubringen“, erklären DGAI und BDA.