Nürnberg. Moderne Intensivmedizin rettet immer mehr Menschen das Leben. Doch für viele Patientinnen und Patienten beginnt nach der überstandenen Akutphase ein langer Weg zurück in den Alltag. Anlässlich des Tags der Intensivmedizin lenkt die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) den Blick auf die Herausforderungen, die Betroffene nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung bewältigen müssen. Dabei geht es um die Rolle von Angehörigen, den Bedarf an psychologischer Unterstützung sowie die Frage, wie Intensivmedizin künftig noch stärker an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten ausgerichtet werden kann.

„Intensivstation bedeutet nicht Endstation. Für viele Menschen ist sie der Beginn ihres Weges zurück ins Leben“, sagt Prof. Dr. Gernot Marx, Präsident der DGAI und Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. „Deshalb müssen wir die Perspektive der Patientinnen und Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Frage ist nicht nur, was medizinisch möglich ist, sondern was den Betroffenen wirklich hilft.“

Diese Frage stand auch im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion „Zurück ins Leben – Perspektiven der Intensivmedizin“, die die DGAI anlässlich des Tags der Intensivmedizin gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Intensivmedizin, Pflege und Psychologie sowie der Sepsis-Überlebenden Cornelia Sichermann und ihrem Ehemann Andreas veranstaltete. Die Diskussion ist Teil der Kampagne „Zurück ins Leben“, einer gemeinsamen Initiative von DGAI und Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e.V. (BDA). 

Existenzielle Entscheidungen, Ängste und Hoffnungen

Dabei berührte das Schicksal von Cornelia Sichermann auch die Fachleute. Eindrucksvoll schilderte die Mittelfränkin, die 2022 eine Sepsis überlebte und heute Vorstandsmitglied der Deutschen Sepsishilfe e.V. ist, ihre Zeit auf der Intensivstation und die tiefgreifenden Folgen der Erkrankung. Die Sepsis kostete sie nicht nur einen Arm und ein Bein, sondern hinterließ auch schwere Schäden an der verbliebenen Hand, dem Fuß und der Bauchdecke. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Andreas berichtete sie von existenziellen Entscheidungen, Ängsten und Hoffnungen – aber auch von der Unterstützung, die ihr auf dem Weg zurück ins Leben Kraft gegeben hat.

Heute nutzt Cornelia Sichermann ihre Erfahrungen, um über die Gefahren einer Sepsis aufzuklären. „Bei Herzinfarkt und Schlaganfall kennen viele Menschen die Warnzeichen. Bei Sepsis ist das oft nicht der Fall – dabei ist sie die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Das muss sich ändern“, erklärt sie.

Das fordern auch Intensivmedizinerinnen und -mediziner. „Wir erkennen septische Patienten leider oft noch viel zu spät“, erklärt Prof. Dr. Thorsten Brenner, Sprecher der Sektion Intensivmedizin und des Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI sowie Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen. Warnzeichen müssten deshalb stärker im Bewusstsein der Bevölkerung sowie in Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden. Hoffnung setzt die DGAI zudem auf neue digitale Verfahren. „Es gibt bereits Algorithmen, die auf Basis von Standardparametern frühzeitig auf eine drohende Sepsis hinweisen können – teilweise zehn bis zwölf Stunden, bevor klinische Zeichen auftreten“, sagt DGAI-Präsident Marx. „Wenn wir diese Technologien in die Routineversorgung überführen, können wir viele Leben retten.“

Angehörigen rücken immer deutlicher in den Fokus 

Doch für die DGAI endet gute Intensivmedizin nicht mit der erfolgreichen Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Im Mittelpunkt der Diskussion stand deshalb auch die Frage, was Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg zurück ins Leben unterstützt. Dabei rückt die Bedeutung von Angehörigen immer deutlicher in den Fokus. Längst werden sie nicht mehr nur als „Besucher“ wahrgenommen. 

„Früher hat man der Rolle von Angehörigen in der Behandlung deutlich weniger Bedeutung beigemessen. Heute wissen wir, wie wichtig die Interaktion zwischen Patienten und ihren Angehörigen für die Genesung ist“, sagt Prof. Dr. Hendrik Bracht, stellvertretender Klinikdirektor der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall-, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie am Evangelischen Klinikum Bethel sowie 2. Sprecher des Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI.

Wie wertvoll diese Unterstützung sein kann, erlebt Intensivpflegekraft Michael Steinel, Gesundheits- und Krankenpfleger auf der anästhesiologischen Intensivstation des Universitätsklinikums Würzburg, regelmäßig im Klinikalltag. „Das therapeutische Team besteht nicht nur aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und Krankenhausmitarbeitenden, sondern auch aus Angehörigen“, berichtet er und erklärt: „Vertraute Menschen geben Orientierung, Sicherheit und können die Genesung entscheidend unterstützen.“

Psychologische Unterstützung ist wichtig

Ebenso wichtig sei die psychologische Begleitung von Patientinnen, Patienten und deren Angehörigen. Für Familien bedeute ein Intensivaufenthalt eine Ausnahmesituation voller Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust. „Das ist maximal überfordernd“ macht Dr. Susanne Buld, Leiterin des psychologischen Teams der Intensivstationen am Universitätsklinikum Würzburg, deutlich. Gerade dann brauchen Menschen Unterstützung dabei, das Unfassbare zu begreifen, Orientierung zu finden und die nächsten Schritte bewältigen zu können.“ 

Aus demselben Grund sei aber auch psychologische Unterstützung von großer Bedeutung. „Psychologische Betreuung von Intensivpatientinnen und -patienten ergänzt die medizinische Behandlung durch die nichtmedikamentöse Linderung von Angst, Stress und Schmerzen und hilft dabei, die Ausnahmesituation zu verarbeiten – sowohl den Patientinnen und Patienten, als auch den Angehörigen“, so Buld. Aus Sicht der Expertin ist es deshalb nicht nachvollziehbar, dass entsprechende Angebote bislang vielerorts fehlen. „Wir brauchen die Unterstützung der Entscheidungsträger im Gesundheitswesen, um die Finanzierung sicherzustellen, damit Psychologinnen und Psychologen überall Teil des behandelnden Teams sein dürfen.“

Medizinische Spitzenversorgung mit menschlicher Zuwendung verbinden 

Für die Intensivstation der Zukunft bedeutet das aus Sicht der DGAI, medizinische Spitzenversorgung noch stärker mit menschlicher Zuwendung zu verbinden. Neben technischen Innovationen gewinnen die Einbindung von Angehörigen, psychologische Unterstützung und eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten zunehmend an Bedeutung. 

„Wir reden oft über Technik und Innovationen. Entscheidend ist aber, dass diese Innovationen bei den Patientinnen und Patienten ankommen“, betont Marx. Die Diskussion habe gezeigt, dass moderne Intensivmedizin weit mehr sei als reine Apparatemedizin. „Der Weg zurück ins Leben beginnt nicht erst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, sondern bereits auf der Intensivstation.“

Die komplette Podiumsdiskussion zum Tag der Intensivmedizin ist auf dem YouTube-Kanal von BDA und DGAI verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=49Zc_P28XIY