Nürnberg. Im vergangenen Jahr erlitten in Deutschland schätzungsweise rund 130.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Das waren durchschnittlich mehr als 350 Betroffene pro Tag. Bei etwa der Hälfte – rund 65.000 Patientinnen und Patienten – konnte der Rettungsdienst Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Diese Zahlen gehen aus dem außerklinischen Jahresbericht 2025 des Deutschen Reanimationsregisters hervor, das unter der Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) steht. Der Jahresbericht zeigt dabei auch auf, welche Faktoren die Überlebenschancen nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand verbessern und wo die Versorgung noch gestärkt werden muss.
Für den Jahresbericht wurden Daten von 208 Notarzt- und Rettungsdiensten aus ganz Deutschland ausgewertet, die am Deutschen Reanimationsregister teilnehmen. Gemeinsam decken sie eine Versorgungsregion mit rund 37 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ab. Für die bundesweiten Hochrechnungen wurde eine Referenzgruppe mit 56 Standorten herangezogen, die besonders vollständig und qualitativ hochwertig dokumentieren. So sind belastbare Rückschlüsse auf die Reanimationsversorgung in Deutschland möglich.
Frühe Hilfe rettet Leben
Mehr als jede zweite Wiederbelebung begann bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes. Die Ersthelfendenquote lag 2025 bei 53,5 Prozent und damit auf dem Niveau des Vorjahres. In 38,4 Prozent der Fälle unterstützten Mitarbeitende der Leitstellen die Wiederbelebung telefonisch. Erstmals weist das Deutsche Reanimationsregister zudem den Beitrag von „aktivierten Ersthelfenden“ (APP-Retter) und „First Respondern“ getrennt voneinander aus. Demnach waren First Responder und aktivierte Ersthelfende bereits an mehr als zwölf Prozent der Reanimationen beteiligt und begannen in knapp zehn Prozent der Fälle die Wiederbelebung noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes. Da die Dokumentation aktivierter Ersthelfender erst seit Mitte 2025 möglich ist, dürfte ihr tatsächlicher Beitrag wahrscheinlich höher liegen.
„Unsere Daten zeigen, dass die Rettungskette heute auf deutlich mehr Schultern ruht als noch vor wenigen Jahren“, erklärt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Sprecher des Deutschen Reanimationsregisters, und fordert: „Diesen Weg müssen wir konsequent weitergehen. Gerade in der telefonischen Reanimationsanleitung und im Ausbau alarmierter Ersthelfersysteme liegt weiter großes Potenzial, damit bis zum Eintreffen von Rettungsdienst und Notarzt möglichst früh mit der Wiederbelebung begonnen wird, denn jede Minute zählt.“
Verbesserungspotenzial liegt dabei auch in der frühen Defibrillation. Die Rate der Defibrillation durch Ersthelfende mit Hilfe sogenannter automatisierter externer Defibrillatoren (AED) blieb 2025 mit rund zwei Prozent der Reanimationsfälle unverändert niedrig. Das sollte „Anlass sein, noch stärker in Ideen und Konzepte zu investieren, um die Defibrillations-Rate vor Eintreffen des Rettungsdienstes weiter zu steigern“, fordern die Autorinnen und Autoren des Jahresberichtes.
Weitere Zahlen aus dem Jahresbericht:
• Geschlechterverteilung: Rund zwei Drittel der Reanimationsfälle betrafen Männer, gut ein Drittel Frauen (65,5 % bzw. 34,5 %).
• Durchschnittsalter: Das Durchschnittsalter lag bei 69,3 Jahren. Knapp 46 % der Betroffenen waren jünger als 70 Jahre. Der Anteil der über 80-Jährigen lag bei 32,1 %.
• Vorerkrankungen: Knapp 27 % der Patientinnen und Patienten hatten keine oder nur leichte Vorerkrankungen.
• Ursachen: In 52 % der Fälle wurde eine kardiale Ursache vermutet, bei 16 % eine respiratorische Ursache (Hypoxie).
• Eintreffzeit des Rettungsdienstes: Das erste Rettungsmittel traf im Mittel nach 6 Minuten und 40 Sekunden am Einsatzort ein. 70 % der Patientinnen und Patienten wurden innerhalb von acht Minuten erreicht. Das angestrebte Ziel, 80 % der Betroffenen innerhalb von acht Minuten zu versorgen, wurde damit erneut nicht erreicht.
• Überleben: Knapp 32 Prozent der Patientinnen und Patienten erreichten das Krankenhaus mit Rückkehr des spontanen Kreislaufs (ROSC). Die Überlebensrate liegt seit Jahren stabil bei knapp 11%.
Die meisten Herz-Kreislauf-Stillstände ereigneten sich auch 2025 im häuslichen Umfeld: Rund 70 Prozent der Reanimationsbehandlungen fanden in der Wohnung oder im Haus der Betroffenen statt. Nur etwa ein Fünftel der Fälle trat an Arbeitsplätzen, in Schulen, Sporteinrichtungen, Arztpraxen oder im öffentlichen Raum auf. Gerade dort waren die Überlebenschancen jedoch am höchsten.
Der Anteil der Patientinnen und Patienten, die in stationären Pflegeeinrichtungen reanimiert wurden, blieb mit knapp zwölf Prozent auf dem Vorjahresniveau: „Uns zeigt das, wie wichtig eine vorausschauende medizinische Behandlungsplanung in stationären Pflegeeinrichtungen ist“, sagt Prof. Dr. Matthias Fischer, der die Daten des Deutschen Reanimationsregisters ausgewertet hat. „Gerade in Pflegeeinrichtungen muss frühzeitig besprochen und dokumentiert werden, welche medizinischen Maßnahmen im Notfall gewünscht sind – und welche nicht. Reanimationsmaßnahmen sollten nur erfolgen, wenn sie dem Willen der Patientinnen und Patienten entsprechen.“
Endotracheale Intubation mit besseren Überlebenschancen verbunden
Neben diesen strukturellen Aspekten gibt der Jahresbericht auch Einblicke in die medizinische Versorgung während der Reanimation. Signifikante Veränderungen gegenüber dem Vorjahr zeigten sich dabei beim Atemwegsmanagement während der Reanimation. So nahm die endotracheale Intubation – also die Sicherung der Atemwege durch einen Beatmungsschlauch – ab. Diese Entwicklung bewerten die Autorinnen und Autoren kritisch, da Studien aus Deutschland und Österreich zeigen, dass die endotracheale Intubation mit besseren Überlebenschancen verbunden ist.
Andere Reanimationsmaßnahmen blieben weitgehend unverändert. Der intraossäre Zugang (Zugang ins Knochenmark zur Medikamentengabe) wurde mit 23,3 Prozent weiterhin häufiger eingesetzt, als es die 2025 aktualisierten ERC-Leitlinien empfehlen, die intravenöse Zugänge bevorzugen.
„Mit den aktuellen Überlebensraten gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu den zehn erfolgreichsten Ländern“, erklärt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner. „Das ist ein gutes Ergebnis. Gleichzeitig dürfen wir uns darauf nicht ausruhen, denn hier ist noch deutlich Luft nach oben. Entscheidend ist, die Rettungskette weiter zu stärken – und zwar an jedem einzelnen Glied.“
Weitere Zahlen und Informationen:
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