Nürnberg. Rund 70 Prozent der Reanimationsbehandlungen nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand finden im häuslichen Umfeld statt. Häufig sind Menschen vor Ort, die der oder dem Betroffenen nahestehen – und womöglich unsicher sind, was zu tun ist. Zum Auftakt der Woche der Wiederbelebung vom 21. bis 27. September 2026 weisen die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e. V. (BDA) deshalb auf eine wichtige Unterstützung hin: Die Leitstelle kann Ersthelfende am Telefon durch die Wiederbelebung führen.
„Niemand muss in einem solchen Moment sein vielleicht vor vielen Jahren erworbenes Erste-Hilfe-Wissen perfekt abrufen können“, sagt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Sprecher des Deutschen Reanimationsregisters und Vertreter der Notfallmedizin im BDA. „Wichtig ist, die 112 zu wählen und nicht zu zögern. Wer früh den Notruf wählt und mit der Wiederbelebung beginnt, überbrückt die entscheidenden Minuten, bis Rettungsdienst und Notarzt eintreffen.“
Professionelle Anleitung schon während des Notrufs
Die aktuellen Daten des Deutschen Reanimationsregisters, das unter Trägerschaft der DGAI steht, zeigen zugleich, dass bei der telefonischen Reanimationsanleitung noch Potenzial besteht: 2025 wurden in 38,4 Prozent der dokumentierten Fälle Ersthelfende von Mitarbeitenden der Leitstellen telefonisch zur Wiederbelebung angeleitet.
Die sogenannte Telefonreanimation beginnt bereits während des Notrufs. Besteht der Verdacht auf einen Herz-Kreislauf-Stillstand, leitet die Disponentin oder der Disponent die Anrufenden dazu an, mit der Herzdruckmassage zu beginnen, und begleitet sie bei den notwendigen Schritten.
„Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Die Telefonreanimation ist deshalb ein entscheidendes Instrument und sollte überall dort zum Einsatz kommen, wo sie notwendig und möglich ist“, sagt PD Dr. Jan Wnent, Sprecher der Sektion Notfallmedizin der DGAI. „Viele Menschen wollen helfen, haben aber Angst, etwas falsch zu machen. Genau hier kann die Leitstelle Sicherheit geben: Telefon auf Lautsprecher, bei der betroffenen Person bleiben und den Anweisungen folgen. Wichtig ist, möglichst schnell mit der Herzdruckmassage zu beginnen.“
Auch die 2025 aktualisierten Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) unterstreichen die zentrale Rolle der Leitstellen in der Rettungskette. Die schnelle Erkennung eines Herz-Kreislauf-Stillstands, die telefonische Anleitung und der unmittelbare Beginn der Herzdruckmassage durch Menschen vor Ort greifen dabei ineinander.
Drei Schritte, die jeder kennen sollte
Was im Ernstfall zu tun ist, lässt sich auf drei Schritte reduzieren: Prüfen, rufen, drücken. Reagiert ein Mensch nicht (Prüfen), wird die 112 gewählt (Rufen). Dann wird gemeinsam mit den Disponierenden überprüft, ob die Atmung normal ist. Wenn sie nicht normal ist, wird unmittelbar mit der Herzdruckmassage begonnen (Drücken). Bei Erwachsenen wird der Brustkorb in der Mitte etwa fünf bis sechs Zentimeter tief und 100- bis 120-mal pro Minute gedrückt.
Doch im Ernstfall stellen sich oft ganz praktische Fragen: Muss die betroffene Person für die Herzdruckmassage entkleidet werden? Kann ich Rippen verletzen? Muss ich beatmen? Was mache ich, wenn kein Defibrillator in der Nähe ist? Und kann ich überhaupt helfen, wenn mein letzter Erste-Hilfe-Kurs viele Jahre zurückliegt?
„Wir müssen die Bevölkerung nicht zu Reanimationsexpertinnen oder -experten machen. Wir müssen ihnen vermitteln, dass sie mit wenigen einfachen Maßnahmen sehr viel bewirken können“, sagt Prof. Dr. med. Camilla Metelmann, 2. Sprecherin des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Notfallmedizin der DGAI. „Dazu gehört auch, ganz konkrete Unsicherheiten ernst zu nehmen und verständlich zu beantworten. Denn im Ernstfall zählt vor allem eines: anfangen zu drücken.“
DGAI und BDA greifen deshalb während der Woche der Wiederbelebung einige dieser Fragen auf. Vom 21. bis 27. September beantworten Expertinnen und Experten jeden Tag eine davon in einem kurzen Video auf den Social-Media-Kanälen der Verbände.
Die Woche der Wiederbelebung wurde 2012 von DGAI und BDA ins Leben gerufen. Bundesweit beteiligen sich Kliniken, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen, Feuerwehren und weitere Einrichtungen mit Trainings und Informationsangeboten. Ziel ist es, möglichst viele Menschen mit den einfachen Maßnahmen der Wiederbelebung vertraut zu machen und sie zu ermutigen, im Ernstfall sofort zu handeln.
