Eine neue Version der S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Präoperativen Anämie“ wurde veröffentlicht.
Die Leitlinie wurde federführend von der DGAI erstellt.
Die drei wichtigsten Kernaussagen / Änderungen auf einen Blick:
1. Welche Effekte zeigt die unbehandelte Präoperative Anämie im Hinblick auf den Hb-Wert, die perioperative Transfusionsrate und Mortalität der betroffenen Patient:innen?
>> Der WHO zufolge liegt eine Anämie vor, wenn ein Hämoglobinwert von < 12 g/dl bei weiblichen Patientinnen (< 11 g/dl für Schwangere) oder < 13 g/dl bei männlichen Patienten gemessen wird. Die neue S3-Leitlinie Präoperative Anämie zeigt, dass die Sterblichkeit der Anämie, wenn sie präoperativ nicht behandelt worden ist, um den Faktor 2,4 bzw. 3,14 (elektive Kardiochirurgie bzw. elektive nicht-kardiochirurgische OPs) höher ist als bei nicht-anämischen Patienten. Ebenso erhalten die Patient:innen – unabhängig von der Art der Operation – signifikant häufiger (kardiochirurgisch: Faktor 2,2 bzw. nicht kardiochirurgisch: Faktor 3,75) EK-Transfusionen und liegen nach einem kardiochirurgischen Eingriff 4,2 Tage bzw. bei Operationen außerhalb der Kardiochirurgie 2,35 Tage länger im Krankenhaus. Die Schlussfolgerung der Leitliniengruppe ist: Messen Sie den Hb-Wert vor einer Operation mit einer Transfusionswahrscheinlichkeit > 10 % und führen Sie eine weiterführende Diagnostik durch, wenn eine präoperative Anämie nachgewiesen wurde.
2. Welche diagnostischen Schritte sind zur Differenzierung der Ursachen im Sinne einer ursachenorientierten Therapie der Präoperativen Anämie erforderlich?
>> Wichtig ist, die Ursache der Anämie präoperativ zu diagnostizieren, um rechtzeitig eine ursachenorientierte Therapie einleiten zu können. Differentialdiagnostisch kommen Blutverluste durch akute oder chronische Blutungen, Blutbildungsstörungen auf Grund eines Eisen-, Folsäure- oder Vitamin B12-Mangels, eine renale Anämie und die Anämie bei chronischen Erkrankungen in Frage. Eine gesteigerte Hämolyse kann ebenfalls zu signifikanten Anämien führen. Der erste Schritt ist die Messung des Hb-Werts. Liegt eine Anämie vor, wird im kleinen Blutbild mittels MCV und MCH eine erste Differenzierung nach korpuskulärem Erythrozytenvolumen (mikro-, normo-, makrozytär) und Hämoglobingehalt (hypo-, normo-, hyperchrom) vorgenommen. In derselben Blutentnahme werden bei bekannter Anämie bereits Ferritin und die Transferrin-Sättigung bestimmt. Dies kann um weitere Parameter je nach Grunderkrankung, ergänzt werden: EPO-Spiegel, Kreatinin, GFR (renale Anämie?), CRP (Anämie der chronischen Erkrankung?), LDH, Bilirubin und Retikulozyten (Hämolytische Anämie?). Einen einfachen Diagnostikalgorithmus finden Sie in der neuen S3 Leitlinie Präoperative Anämie.
3. Welche Optionen der ursachenorientierten Therapie der Präoperativen Anämie sind verfügbar?
>> Die Behandlung der präoperativen Anämie soll frühzeitig und, basierend auf einer gezielten Diagnostik, ursachengerecht erfolgen. Obwohl Eisenmangel die häufigste Ursache darstellt, empfiehlt die neue S3-Leitlinie keine „blinde“ Therapie ohne vorherigen Nachweis des Eisenmangels.
Die Analyse der neuen S3-Leitlinie zeigt, dass die Gabe von oralem oder intravenösem Eisen bei Nachweis einer Eisenmangelanämie den Hämoglobinwert signifikant anhebt (moderate Qualität der Evidenz) und die Transfusionshäufigkeit signifikant senkt. Wird eine Präoperative Anämie mit oralem oder intravenösem Eisen behandelt, ohne dass vorab - wie empfohlen - ein Nachweis eines Eisenmangels als Anämieursache durchgeführt wurde, hebt sich der Hämoglobinwert signifikant, ein Einfluss auf die Transfusionshäufigkeit bleibt bei der derzeitigen Datenlage aber aus. Daher empfiehlt die Leitlinienkommission unter dem Vorbehalt einer Anämiediagnostik die präoperative Behandlung einer Eisenmangelanämie mit Eisen. Die Metaanalyse der Leitlinie zeigt dabei keinen Vorteil für eine Applikationsform (oral vs. intravenös). Sofern es präoperativ möglich ist (Zeitraum über drei Monate), sollte primär eine orale Eisengabe stattfinden. Wenn orales Eisen nicht vertragen wird oder die Zeit vor der Operation zu knapp ist, sollte eine intravenöse Gabe vorgenommen werden. Das Risiko von Unverträglichkeiten bis hin zu anaphylaktischen Reaktionen von intravenösem Eisen muss beachtet werden.
Für Patient: innen mit Anämie der chronischen Erkrankung oder renaler Anämie wird die Gabe von Erythropoietin empfohlen. Bei zusätzlich nachgewiesenem Eisenmangel sollte Erythropoietin in Kombination mit Eisen (oral und/oder intravenös) verabreicht werden. Die Metaanalyse der Leitlinie aus insgesamt 18 RCTs zeigt hierbei einen signifikanten Effekt auf den Hämoglobinwert und die Transfusionswahrscheinlichkeit, unabhängig von der Art der Operation. Dabei wurde herausgearbeitet, dass die Therapie mit Erythropoietin mit und ohne Eisen (oral und/oder i.v.) zu einer Anhebung des Hb-Werts um 0,91 g/dl führt. Weiterhin führt die Kombinationstherapie zu einer Senkung der Zahl der transfundierten Patient:innen um 60 % (OR: 0,4) und der transfundierten Zahl an Erythrozytenkonzentraten (-0,42 EK) pro Patienten gemittelt über beide Subgruppen kardio- und nicht kardiochirurgischer Operationen.
Fazit: Evidenter denn je zuvor zeigt die aktualisierte S3-Leitlinie Präoperative Anämie, dass die Präoperative Anämie ein unabhängiger Risikofaktor für perioperative Mortalität, Transfusion und Krankenhausverweildauer ist, und dass deren Behandlung nach erfolgter Diagnostik mit Eisen oder Eisen plus Erythropoetin möglich und effektiv ist. Dies gilt auch für Subgruppen (Frauen, ältere Patient:innen > 65). Die Leitlinie thematisiert zudem weitere wichtige Aspekte wie die differenzierte Diagnostik und die Kosten der Anämietherapie und ist somit ein wichtiger Bestandteil möglicher Patient Blood Management-Konzepte (PBM) zur Reduktion allogener Bluttransfusion und Ressourceneinsparung.
Version: 2.0
Stand: 28.02.2026
Gültig bis: 27.02.2031
Sie finden die Leitlinie ab sofort im Register der AWMF
